Poetischer Tüftler

Umberto Eco hat die Welt der Zeichen und Rätsel verlassen.

 

Umberto Eco starb am 19. Februar 2016 in Mailand. Archivfoto

In Umberto Ecos erstem Roman "Der Name der Rose" (1980) trägt der Franziskaner William de Baskerville ein Brillengestell bei sich, er sucht in der Bibliothek eines Benediktinerklosters nach der verlorenen zweiten Hälfte der Poetik des Aristoteles, die nach der Tragödie von der Komödie, vom Lachen, handelte. Die Brille steht für das bessere Sehen; der Gegenspieler ist ein erblindeter Benediktiner, der den Zugang zur Bibliothek zu verhindern sucht. Dies ist die Gegnerschaft, die sich durch das ganze Werk von Umberto Eco zieht: Hier der Aufklärer, der die Dinge besser sehen und erkennen will, dort der verstockte Blinde, der den Zugang zur Welt versperrt, der das Lachen hasst und es verbieten und verbannen möchte. Christus habe nie gelacht, heißt es.

Zum modernen Aufklärer geworden

Nach seiner Dissertation über Thomas von Aquin hat sich Eco von der Kirche abgewendet und ist zum modernen Aufklärer geworden, mit Passion hat er  gegen die Winkelzüge der früheren Dunkelmänner und gegen Berlusconis Ausverkauf und Verhöhnung der Moral und Kultur in Italien geschrieben, er folgte dabei keiner linken Weltanschauung, sondern dem einfachen moralischen Code der Menschlichkeit und der Neugier. Er hat neben sieben Romanen viele wissenschaftliche Werke verfasst, besonders zur Semiotik, der Zeichenkunde; alles, was er schrieb, war praktizierte Entzifferung der vernetzten und versteckten Zeichen unserer Kultur. Er schrieb in Fachorganen und der Zeitschrift Espresso die „Streichhölzer“, witzige Begleitgedanken des politischen Alltags, Essays zur literarischen Szene in Italien und Frankreich, hatte Sendungen im Fernsehen, Vorlesungen in Bologna, gab Sammelbände zum Schönen und zum Hässlichen heraus.

Seine politischen Reden werden fehlen

Eco war Aufklärer in der italienisch-französischen Tradition, nicht der eigentümlich deutschen, von Kant geprägten Aufklärung. Eco war Nachfahr des großen Voltaire, in Deutschland gibt und gab es niemanden, der mit ihm vergleichbar wäre. Voltaire war Dichter und Gelehrter und Humanist, er hat sich eingemischt in die korrupte französische Justiz und wurde unter der Begleitung der Nation im Pantheon beigesetzt, so wie Eco als populärer Schriftsteller und Denker unter Teilnahme der italienischen Nation jetzt betrauert wird. Seine witzigen politischen Reden und Verdrehungen der Wahrheit in den Romanen kann jeder verstehen.

Scharfsinnig, witzig, versöhnend

Eco war gutmütig und jedermann sympathisch; er kultivierte Freundschaften, weltweit. Er lud mich 1998 ein zu einer Tagung in den Niederlanden über erkenntnistheoretische Probleme; er hörte alle Vorträge, nahm an den Diskussionen teil, scharfsinnig, witzig, versöhnend. Nach Beendigung der Vorträge musizierte er mit Freunden. Beim Abendessen spielte er andere Karten seiner beneidenswerten Natur aus, improvisierte im Zuwerfen von Bonmots und Zitaten, lachte und trank, chepeccato, dass es ihn nicht mehr gibt.

In der Kultur mit allem vernetzt

In Neapel tauschten wir unsere Meinungen zur Zukunft der Universitäten aus; er war optimistisch, zukunftsfreudig, ich sah eher die Gefahr, dass in den Geisteswissenschaften die geschichtlichen Grundlagen weggespült würden. Seine Kenntnisse waren gigantisch, in der Kultur mit allem vernetzt, im Zentrum immer die Welt der Zeichen und die quicklebendige Phantasie. Die deutsche Tradition war weniger präsent als dieiItalienisch-französische und englisch-amerikanische; eine Ausnahme blieb Kant e l´ornitorinco (Kant und das Schnabeltier), 1997. Wieder ein Traktat zur Semiotik, aber hineingestellt in eine Interpretation der Kritik der reinen Vernunft, der Logik, der Prolegomena. 

Erstaunliche Kenntnisse der Deutungsszene

Ganz erstaunlich wie immer bei Eco sind die Kenntnisse der Deutungsszene in Deutschland, aber auch bei Rorty und Delauze und unvermeidlich Heidegger. Natürlich ist die Kritik an seinem Zugang unvermeidlich; Kant schreibt von seiner Kritik, sie sei der Gerichtshof der Vernunft, und die juridischen Vorstellungen durchdringen dieses und andere Kantische Werke. Der Gerichtshof erteilt das Recht, von Gesetzen der Natur zu sprechen, weil diese Notwendigkeits-Gesetze, wenn sie korrekt gebildet werden, Erzeugnisse des Verstandes sind. Eine verwickelte Sache, aber es lässt sich einsehen, dass diese Legitimierung der Newtonischen Naturerkenntnis wenig mit mittelalterlicher Ontologie und Ecos Nachfolgerin, der Semiotik, zu tun hat.

Wie man das Unikum einordnen kann

Noch eine persönliche Note: Die Semiotik ist, übersetzt, Zeichenlehre. Zeichen können natürliche oder künstliche Zeichen sein, die letzteren werden als Symbole geführt. Nun gehört es zur Erfahrung schon von Kindern, dass natürliche Zeichen auch Tieren bekannt sind, sie können je nach der Art der Tiere der Drohung von Gefahr oder der Anlockung von Reizen dienen. Es gehört zu den großen Mängeln der Philosophie-Tradition, dass die Tiere bitte draußen bleiben sollen, selbst wenn es sich um eine australische Rarität wie dem Schnabeltier handelt. Eco geht es nur um das Problem, wie man das Unikum einordnen kann; dass es selbst nur überlebt, wenn es in eine Welt von Zeichen integriert ist, wird nicht erörtert. Aber dies nur als Fußnote zu dem seltsamen Flossentier, das neben Kant im Titel erscheint.

Reinhard Brandt

7. April 2016

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