Christopher Clark "Die Schlafwandler"

von Georg Völker

Der britische Premier Lloyd George hatte zwar verlauten lassen, dass die fünf europäischen Großmächte Deutschland( D.), Österreich-Ungarn(Ö.-U.), Großbritannien(GB.), Russland (R.) und Frankreich (F.) in den 1. Weltkrieg „ hineingeschlittert“ sind, was ihn jedoch nicht daran hindert, dem § 231 des Versailler Friedensvertrages, dem Kriegsschuldparagrafen, zuzustimmen, der besagt, dass Deutschland als „Urheber des Krieges“ folglich „für alle Schäden“ zu haften hat.

* 1961 erscheint das Buch „Griff nach der Weltmacht“ des deutschen Historikers Fritz Fischer, in dem er gemäß seiner Forschungen den Deutschen die Hauptschuld am 1.Weltkrieg anlastet.**Wiederum 50 Jahre später 2012/13 veröffentlicht der australische, in GB. lehrende Historiker C. Clark sein Buch „Die Schlafwandler“, in dem er aufgrund seiner jahrelangen  Forschungen  an dem rüttelt, was bisher unter vielen Historikern Konsens war, nämlich, dass Deutschland die Hauptschuld am Ausbruch dieses Krieges trage.

Clarks Buch ist in drei Teile gegliedert. Der erste Teil befasst sich mit Serbien und Ö.-U.:  Ein bedeut-sames politische Ziel Serbiens ist die Errichtung eines Groß-Serbien; sie stellen  z.B. Ansprüche auf das von Ö.-U. annektierte Bosnien-Herzegowina. Es existieren Geheimorganisationen, die einen Opfer-,Todes- u. Rachekult pflegen – auch gegen  das eigene Königshaus – z. T . mit Wissen ihrer Regierungen.  F. gewährt den Serben riesige Kredite  für die militärische Aufrüstung und den Ausbau der Infrastruktur;  und R. übernimmt den Status einer Schutzmacht für Serbien.                                                                                             

Ö.-U. ist nach Clark kein vom Untergang bedrohtes Gebilde, sondern ein Rechtsstaat, ein um 1900 blühendes und relativ gut verwaltetes Reich mit einer bemerkenswerten Stabilität inmitten der Unruhen eines Vielvölkerstaates, dessen benachteiligte Völker  Selbstbestimmungsrechte fordern, die der Thronfolger Franz Ferdinand in die Wege zu leiten bereit war, was ihn wiederum zum Ziel der Terroristen macht, denn ein weiteres wesentliche  Ziel der Geheimorganisationen ist die Befreiung der slawischen Völker.

Im zweiten Teil geht es um die Polarisierung Europas  in Bündnisblöcke, um europäische Außen-politik, um die Balkankriege 1912/13, in denen die Serben große Gebiete des Osmanischen Reiches erobern. Genau genommen ist der 1. Weltkrieg der dritte Balkankrieg, bevor er zum Weltkrieg wird:  Weil die deutsche Regierung den Rückversicherungsvertrag mit Russland nicht erneuert, den Bismarck mit Russland geschlossen hatte, um nicht in einen Zwei-Fronten-Krieg zu geraten, nutzt Frankreich die  Chance und schließt mit Russland 1892/94 ein Bündnis, denn das Ziel der französischen Außenpolitik ist  seit 1870/71 die Eindämmung und Einkreisung Deutschlands durch ein antideutsches Bündnis. Besorgt  sind beide Staaten R. u. F. , dass  GB. mit den Mittelmächten D. und Ö.-U. ein Bündnis eingehen könnte. Aber es kommt  anders, England schließt  1907 ein Bündnis mit Frankreich und 1909 mit Russland. Der Grund dafür ist, dass F. und R. mehr bieten können als D., und zwar, z.B. durch Austausch von Kolonien oder Grenzverträge für bestehende Kolonien; Eini-gungen also,  die für die beteiligten Staaten Probleme lösen. D. gilt dabei als Störenfried, weil es auch eine große Kolonialmacht werden, „einen Platz an der Sonne“ haben will, was  D. aber  von den etablierten Kolonialmächten nicht leicht gemacht wird, obwohl D. bei allen größeren Krisen, z.B. Transvaal, Konstantinopel, Marokko, stets nachgibt. Es gibt jedoch noch einen  weiteren  schwerwiegenden Grund, der  Neid und  unverhohlene Feindschaft gegenüber D. weckt, nämlich das sensationelle Wirtschaftswachstum D.’s:  1913 knapp  hinter den USA, aber vor GB.; die Industrieproduktion steigert sich um das Vierfache, während sie in GB. um ein Drittel sinkt; sogar im Welthandel liegt D. nur um 0,9 % hinter der Weltmacht GB.; 1913 erzeugt und verbraucht die deutsche Wirtschaft 20% mehr Strom als E. und F. zusammen, sodass bei den Worten „Made in Germany“  in GB.  ein starkes Gefühl der Bedrohung mitschwingt, weil  sie die Grenzen der britischen Weltherrschaft aufzeigen. Auch in Wissenschaft, Forschung und Kultur nimmt D. eine Spitzenstellung ein. D. hat um 1900 mehr Nobelpreise aufzuweisen als GB. und F.  zusammen, auch erheblich mehr als die USA. Und seine Sozialpolitik ist weltweit die beste. Auf solche Erfolge, innerhalb einer Generation erarbeitet, kann man zu Recht stolz sein. Leider fehlt den Deutschen jedoch eine notwendige Portion von Bescheidenheit. Statt der schleichenden Isolation durch eine Politik der Annäherung zu begegnen, erheben die deutschen  Politiker das Streben nach Autonomie zum Leitgedanken, weil sie annehmen,  dass die Spannungen zwischen den anderen Mächten anhalten, was eine Garantie dafür sei, dass diese sich niemals vereint gegen D. zusammenschließen. Den Deutschen unterlaufen jedoch weitere Denk- und Handlungsfehler im Hinblick darauf, den Frieden zu erhalten: z.B.  die Hochseeflottenpolitik, der Blankoscheck für Ö.-U., der „Zickzackkurs“ der Politiker, das militante Auftreten des  Alldeutschen Verbandes und der Wehrvereine, der „Hurra-Patriotismus“ der „verspäteten Nation“, die Kriegsindustrie, der Generalstab ….., und Moltke, der Chef des Stabes,  fühlt sich zufrieden, als der Krieg ausbricht, wie auch Churchill, Erster Lord der Admiralität. Clarks akribische Forschungen und Recherchen betreffen jedoch nicht nur  D.sondern sämtliche beteiligten Mächte. Themen des dritten Teils sind die Morde in Sarajevo am 28.6.1914, das österreichische Ultimatum an Serbien, die Juli-Krise von 1914 und der Ausbruch des Krieges Anfang August: Die Mörder des österreichischen Thronfolgers und dessen Frau  sind Mitglieder der Geheimorganisation „Schwarze Hand“; sie werden schnell gefasst. Spuren lassen sich bis in Belgrader Regierungsstellen verfolgen. Am 23.7. übergibt Ö.-U. ein Ultimatum an Serbien, das unter der Annahme, dass die serbische Regierung es wahrscheinlich nicht akzeptiert, verfasst wird. Die Antwort der Serben ist eine Meister-leistung diplomatischer Kunst. Mit Ausnahme des 5. Punktes, der die Souveränität Serbiens einschränkt, werden die Forderungen angenommen. Zuletzt hat Serbien notgedrungen auch die Forderung Nr. 5 hingenommen, doch dann bieten R. und F. Unterstützungen an, und in GB. wird das Ultimatum als ein „ furchtbares und unverfrorenes Dokument“  von Außenminister Grey (kein Freund D‘.s.) und Churchill bezeichnet. Clark jedoch vergleicht es mit dem Ultimatum der NATO von 1999 an Serbien-Jugoslawien und kommt mit Henry Kissinger zum Ergebnis, dass die Forderungen Österreichs im Vergleich mit denen der NATO geradezu harmlos gewesen sind.  Die deutsche Regierung unter Kanzler Bethmann-Hollweg hat Ö.-U. einen „Blankoscheck“  ausgestellt, indem sie dem Bündnispartner zusagen, in jedem Fall hinter ihm zu stehen. Ob diese Zusage leichtfertig oder bewusst gegeben worden ist oder aus Angst, den letzten Bündnispartner zu verlieren, ist  strittig. Bereits am 6. Juli hat der oberste Kriegsherr, Kaiser Wilhelm II,  Ö.-U., auf ein Schreiben des Kaisers Franz Joseph hin, der  um Unterstützung D’.s  bittet, die unbedingte Bündnistreues versichert.  Am 25.7. bricht Wien die diplomatischen Beziehungen zu Belgrad ab, weil es die Antwort der Serben als unbefriedigend bezeichnet und ordnet Teilmobilmachung an. Da Russland ( s.o.) Hilfe zusichert, macht auch Serbien teilmobil. Dennoch hat Kaiser Wilhelm II in einem Schreiben an Kaiser Franz Joseph darauf hingewiesen, dass die Serben doch in fast allen Forderungen nachgegeben haben, so dass ein Krieg nicht notwendig ist. Das Schreiben bleibt zwei Tage bei der deutschen Regierung (Bethmann-Hollweg)  liegen, bis es zu spät ist.  Auch die deutschen und englischen Vermittlungsversuche, direkte Verhandlungen zwischen Ö.-U. und R. aufzunehmen, scheitern. Ö.-U. erklärt den Serben den Krieg am 28.7. 1914.Es ist scheinbar „nur“ ein regionaler Konflikt und hätte es bleiben müssen.                                                                                                                                                                           Während des Staatsbesuches des französischen Präsidenten Poincaré in Russland vom 20. bis 23. Juli 1914 wird von nichts anderem als dem Krieg geredet. Von höchsten Stellen werden auf  Banketten Trinksprüche auf den Krieg und den Sieg ausgestoßen. „Der Krieg wird ausbrechen/Von Österreich wird nichts mehr übrig bleiben/Sie werden sich das Elsass und Lothringen zurückholen/Unsere Armeen werden sich in Berlin vereinen/Deutschland wird vernichtet werden.“ Zum Zaren sagt Poincaré: „Diesmal müssen wir hart bleiben.“ Während der Heimfahrt des Präsidenten fragt ihn der Minister Renoult, ob eine politische Einigung der Großmächte noch möglich sei, worauf Poincaré antwortet: „Nein, es kann keine Regelung geben. Es kann keine Einigung geben.“  Aber die russische Generalmobilmachung ist die schwerwiegendste Entscheidung der Julikrise. Sie kommt  zu einem Zeitpunkt, als die deutsche Regierung noch nicht einmal den Zustand  drohender Kriegsgefahr ausgerufen hat. Die Deutschen buhlen noch um die Neutralität GB.’s. Noch nach einer Kabinett-sitzung  am 1.8. 1914 erklärt  der englische Außenminister Grey dem verzweifelten französischen Botschafter Paul Cambon, dass britische Interessen für eine Intervention nicht hinreichend betroffen sind: Es hatten nur vier Kabinettsmitglieder für eine Intervention gestimmt. Aber die Hardliner Asquith, Grey, Haldane, Churchill, Crewe setzten sich gegenüber der „Friedenspartei“ durch und realisieren die Intervention GB‘.s. Die britische Kriegserklärung an D. folgt am 4.8.1914 auf die deutsche Invasion in Belgien hin.                                                                                                                                                  

Clark sagt zum Schluss, dass die kriegerische und imperialistische Paranoia der österreichischen und deutschen Politiker nicht kleingeredet werden soll, die zu Recht die Aufmerksamkeit Fritz Fischers auf sich zog. Aber die Deutschen sind nicht die einzigen Imperialisten gewesen oder die unter einer Art Paranoia gelitten haben. Die Krise, die zum Krieg führt, ist die Frucht einer gemeinsamen politischen Kultur. Und im Hinblick auf den Friedensvertrag von Versailles (1919) sagt Clark, dass sich  auch unser moralischer Kompass verändert hat. Die Tatsache, dass ein serbisch dominiertes Jugoslawien als einer der Siegerstaaten aus dem 1. Weltkrieg hervorgeht, scheint implizit die Tat des Mannes  der Geheimorganisation „Schwarze Hand“ zu rechtfertigen, der am 28. Juni 1914 den österreichischen Thronfolger und dessen Frau erschießt.                                         

Der Krieg mobilisiert 65 Millionen Soldaten, fordert 20 Millionen militärische und zivile Todesopfer sowie 21 Millionen Verwundete. Die Gräuel des 20. Jahrhunderts in Europa gehen aus dieser Katastrophe hervor.

 

mrlife-Autor Georg Völker ist Historiker. Er unterrichtete bis zu seiner Pensionierung als Lehrer an der Richtsbergschule

 

 

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