"Sauberste Verbrennung"

Fiat macht sich jetzt ebenfalls für Erdgasantrieb zumindest als Brückentechnologie stark

Von Günther Koch/Life-Magazin

Fiat-Experte Kurt Pretscher erklärt die Technik vor dem Erdgas-Panda auf der Hebebühne. Foto: Koch

Frankfurt/Main – Erdgas als alternative Antriebskraft im Automobilbereich? "Eine Brückentechnologie", nennt Kurt Pretscher das, "bis die Elektromobilität endlich greift, aber das wird noch dauern", sagt der Erdgasexperte bei Fiat Chrysler Automobiles in Deutschland. Deshalb und weil der Diesel zwischenzeitlich vor allem bei uns in Verruf geraten ist, spielt eine ganze Reihe von Herstellern von Audi bis VW aktuell das Thema, auch die Italiener jetzt. "Wir haben die Technologie damals schließlich zum Laufen gebracht", betont Pretscher. "Erinnern Sie sich noch an den Erdgas-Marea 1997?"

Panda bis Ducato

Seitdem hat sich einiges getan. Weltweit sind mittlerweile mehr als 740 000 Fiat mit diesem Antrieb verkauft. Der Hersteller hat vom kleinen Panda bis zum großen Ducato zwölf, in Deutschland acht solcher Natural Power genannte Pkw und Nutzfahrzeuge im Programm, die mit Erdgas oder automatisch oder von Hand umschaltbar mit Erdgas und Benzin fahren. Und doch: Rund 23 Prozent aller Schadausstöße lassen sich Studien zufolge global auf den Straßenverkehr zurückführen. Wer das mit Blick auf Nachhaltigkeit reduzieren will, braucht alternative Lösungen. „Lösungen für die Umwelt“, wirbt Fiat-Mann Guido Zincone, „Lösungen aber auch, die am Ende für den Kunden bezahlbar sind.“

Ausgereifte Technologie

Die Vorteile von Erdgas, meist als CNG (für Compressed Natural Gas) angeboten, sind offensichtlich: Die Technologie scheint ausgereift. Die Kraftstoffkosten sind niedrig, die höheren zur Anschaffung amortisieren sich bald, die Umwelt wird weniger belastet. Biomethan mache Erdgas, chemisch Methan, zur „echten erneuerbaren Energiequelle“, findet Pretscher. Das Gas mit der hohen Oktanzahl ist in der Natur weit verbreitet, gelangt unterirdische dorthin, wo es gebraucht wird, „muss nicht transportiert werden“.

Mit Hilfe beim Sparen

Den Energiegehalt von einem Kilo rechnet der Experte in 1,5 Liter Benzin oder 1,3 Liter Diesel um. Bei der weicheren Verbrennung entstehe „fast kein Feinstaub“. Der Anteil von Stickoxiden im Abgas sinke um 96 beziehungsweise 67 Prozent im Vergleich zum Euro-6-Diesel und -Benziner, der von Kohlendioxid um 35 beziehungsweise 23 Prozent. „Erdgas ist die sauberste Verbrennung, die derzeit im motorischen Bereich verfügbar ist“, stellt Pretscher fest. Und die Technologie hilft beim Sparen, Beispiel Panda: Der kleine Natural-Power-Fiat steht, was den Verbrauch betrifft, im Schnitt mit 4,5 Liter Benzin oder 3,1 Kilo Erdgas so zumindest im Datenblatt. 100 Kilometer im Benzinbetrieb würden momentan demnach mit 6,17 Euro zu Buche schlagen, im Erdgasbetrieb dagegen mit nur 3,32 Euro.

Unterflur platziert

Und die Reichweite? Die hängt bei Erdgasfahrzeugen von der Anzahl der unterflur platzierten Gasbehälter und der Füllmenge ab. Um beim mit zwei Gastanks mit zwölf Kilo befüllten Panda zu bleiben: Mit Erdgas würde man etwa 385 Kilometer weit kommen, inklusive vollem Benzintank über 1000. Zum Vergleich: Beim nur mit Erdgas betriebenen Ducato mit fünf Gasflaschen und 36 Kilo würden es lediglich 400 Kilometer sein.

Netz soll wachsen

Was generell sonst noch für Erdgas spricht, ist, dass es bei uns als Treibstoff noch bis mindestens 2026 geringer besteuert wird als fossile Brennstoffe wie Benziner und Diesel. Das Netz von derzeit rund 900 öffentlichen Erdgastankstellen soll bis 2025 auf etwa 2000 wachsen. Das Tanken selbst dauert nicht länger als bei herkömmlichen Treibstoffen. Die Autos seien sicher, laut ADAC-Untersuchungen gehe jedenfalls „keine erhöhte Gefahr bei einem Unfall“ aus. „Der Gastank“, so Pretscher, „ist das mit Abstand stabilste Bauteil eines herkömmlichen Pkw.“ Einfahrverbote, etwa in Tiefgaragen, seien unbegründet.

„Könnten mehr sein“

Die Hersteller sind zuversichtlich, dass sich der zuletzt in Deutschland rückläufige Trend bei den Neuzulassungen von Fahrzeugen dieser Art – 2017: 94 000, 2015: 100 000 – wieder ins Gegenteil verkehrt. „Die Vorteile“, sagt Techniktrainer Pretscher, „müssen einfach in die Köpfe der Leute!“ Und die Nachteile? Erdgasfahrzeuge sind schwerer, der Benzinverbrauch ist in der Regel höher, Leistung und Drehmoment fallen geringer aus. Sie sind teurer, beim kleinen Panda um die 2000 Euro und mehr. Und es scheint, zumindest bei unserem Test-Fiat 500L Natural Power, gar nicht so leicht, die Anzeige für den Benzinverbrauch zu finden. Eine für Erdgas gibt es nicht. Gut 84 000 Zulassungen hat Fiat laut Verkaufschef Roberto Debortoli 2017 bei uns erreicht. Der Erdgasanteil macht ein Prozent aus. „Leider“, bedauert Kurt Pretscher. „Es könnten mehr sein.“

KoCom/Fotos: Günther Koch

13. März 2018

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