Am Meisterbock

Audi und die Qualitätssicherung im Zeitalter der Digitalisierung

Von Günther Koch/Life-Magazin

Audi-Qualitätssicherung: Die geometrische Fahrzeuganalyse gehört dazu. Foto: Audi

Ingolstadt – Eine Marke im Wandel! Audi-Chef Rupert Stadler hat beim Audi-Gipfel im Sommer in Barcelona angekündigt, das Unternehmen als „digitale Company“ aufzustellen. Was Auswirkungen auf verschiedenste Bereiche hat.

Im Sicherheitsbereich

Audi-Qualitätssicherung, Werksgelände Ingolstadt. Der Techniktag über Premiumqualität im Digitalzeitalter unterliegt einer bestimmten Sicherheitsstufe. Wir müssen eine Geheimhaltungsverpflichtung unterschreiben, bewegen uns in Räumlichkeiten, die zum Sicherheitsbereich gehören. Fotofähige Geräte wie Smartphones oder Tablets dürfen nur mitgenommen werden, wenn die Linsen vorher abgeklebt sind, andernfalls sind sie in Schließfächern zu verwahren.

Arbeit noch effektiver

„Wir kommen weg vom Prüfen und hin zum Steuern“, sagt Werner Zimmermann. Auch in der von ihm geleiteten Qualitätssicherung halten immer mehr virtuelle und digitale Methoden Einzug, die effektiveres Arbeiten und eine frühere Einbindung in den ganzen Entstehungsprozess erlauben, was wiederum helfen kann, Änderungen später und damit verbunden höhere Kosten zu vermeiden. An Qualität zu sparen, das sei am Ende „immer die teuerste Lösung“, weiß der Audi-Mann natürlich, wo Qualität besonders wichtig ist: „Wo der Kunde sie erleben kann, wo er sie sieht, fühlt und hört.“ Dabei zahlten Präzision beim Fahrwerk, Perfektion beim Spaltmaß, höchste Verarbeitungs- und Materialqualität genauso auf das Qualitätskonto ein wie die Zuverlässigkeit der unterschiedlichsten Fahrzeugfunktionen.

Vor der Serienfreigabe

Wir sind im Absicherungslauf. Vor Freigabe zur Serienproduktion muss jedes neue Modell hier durch. Alles wird untersucht und bewertet, was Kunden später beanstanden könnten. Die Aufgaben sind vielfältig, reichen von Tests in allen Klimazonen von minus 30 bis plus 50 Grad über die Akustik, bei der das Knister-Knaster-Team nach selbst noch so kleinen Störgeräuschen im Auto sucht, bis hin zum automatisierten Fahren, Stichwort Stufe-drei-Auslegung, Stichwort neue Assistenzsysteme, Stichwort neuer A8. Die Digitalisierung macht’s möglich.

Mehr Rechenleistung

Auch im Halbleiterlabor. Automatisiertes Fahren, Elektrifizierung, Vernetzung, alles auf leistungsstarken Halbleitertechnologien basierend, durch die in einem Auto heute mehr als 80 Prozent aller Neuerungen überhaupt erst möglich sind. Bei Audi etwa die speziellen OLED-Flächenstrahler im Gegensatz zu den bisher schon nicht schlechten LED-Punktlichtquellen oder der Laserscanner-Ersteinsatz wiederum im neuen A8. In Summe sind bis zu 8000 aktive mikroelektronische Elemente in bis zu 100 untereinander vernetzten Steuergeräten verbaut. „Jedes einzelne davon“, so Audi, „mit mehr Rechenleistung als die erste Rakete zum Mond“. Ohne Digitalisierung bei der Unmenge von Daten kaum vorstellbar.

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Sogar beim Leder

Dann die Werkstofftechnik. Sie setzt zur Untersuchung der Werkstoffe neben Techniken wie der lichtoptischen Mikroskopie inzwischen ebenfalls eine rasterelektronische ein, die hochauflösende Bilder von Bruchflächen oder noch präzisere Erkenntnisse über die Konzentration und Verteilung chemischer Elemente in den Werkstoffen liefert. Entsprechende Analysen finden digital nicht nur klassisch im Oberflächenbereich für Korrosionsschutz-Beschichtungen und Lackierungen, sondern für fast alle autorelevanten Werkstoff- und Materialsysteme wie Metall, Glas, Keramik und Kunststoffe statt, spielen beispielsweise bei Drucktanks für Erdgas eine wichtige Rolle – oder sogar beim pflanzlich unter Verwendung von Olivenblatt-Extrakt gegerbten Leder.

Mit möglichem Fernzugriff

Bliebe die Servicetechnik. Sie arbeitet global, geht weltweit auf regionale Besonderheiten ein. Kernaufgabe ist die technische Fahrzeuganalyse, bei der neuartige Tools (englisch für Werkzeuge) schon heute etwa auch dabei helfen, „die Analysekompetenz im Handel auszubauen“. Stationäre Messtechnik ist demnach nicht mehr unbedingt nötig, um Störungen und Fehler schnell zu untersuchen. Über eine speziell entwickelte App werde das Smartphone immer mehr zum „professionellen Diagnosewerkzeug für Werkstätten“. Auch ließen sich vom Schnarren über Wummern, Knurpsen, Jaulen und Knistern bis zum Surren Geräusche, Vibrationen und Rauheiten besser analysieren und objektivieren. Und wenn der Kunde das will, lasse sich durch integrierte Fahrzeugsensorik das Auto dank Digitalisierung in ein eigenes Analysetool mit Fernzugriff verwandeln.

Längst auf dem Weg

Und schließlich – die Bezeichnung scheint nostalgisch selbst im neuen Zeitalter bestehen zu bleiben – der Meisterbock! Auch da sind die Ingolstädter längst auf dem Weg zur digitalen Variante, um wie am Aluminiumgerüst des Fahrzeugs innen wie außen das Zusammenwirken von Teilen auch verschiedener Zulieferer mit Blick auf Optik, Haptik, Spaltmaßen oder Montierbarkeit zu prüfen. Dabei geht es um die jetzt schon von 48 auf nur noch vier Stunden verkürzte vollautomatisierte Digitalisierung einer kompletten Karosse genauso wie um Oberflächenkontrolle, Fugenbilder oder Touchdisplays mit haptischer Rückmeldung, die 2018 ebenfalls im A6 die Anzahl klassischer Bedienelemente weiter drastisch reduzieren.

Olli bleibt gelassen

Stofftier-Ziegenbock Olli jedenfalls schaut in Originalgröße in seinem Glaskasten vorn am Eingang zu den Messtechnikern dem immer digitaleren Treiben irgendwie gelassen zu. Abteilungsleiter Marcus Hoffmann macht an Audis vermeintlich tierischem Meisterbock fest, worauf es, übertragen wohl auch auf die Arbeit im Bereich der Qualitätssicherung im Zeichen der Digitalisierung ankommt: „Nicht auf Sturheit, sondern auf Geduld und Beharrlichkeit.“ Der Geheimhaltung unterliegt Olli nicht. Schade, dass die Linsen von Smartphone und Kamera überklebt sind. 

KoCom/Fotos: Audi

23. November 2017

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