"Priorität Sicherheit"

Continental-Reifensprecher über Umrüstung und Neuregelungen

Von Günther Koch/Life-Magazin

 

Klaus Engelhart ist bei Continental Sprecher für Pkw- und Zweiradreifen. Foto: Continental

Hannover – Klar kennt er als Sprecher für Pkw- und Zweiradreifen bei dem Automobilzulieferer Continental die Regel „Von O wie Oktober bis O wie Ostern“. Ganz sicher, sagt Klaus Engelhart, rüste er bei den Reifen seines Autos noch in diesem Monat von Sommer auf Winter um. Auch einen Termin habe er schon. „Und da ich“, so der gebürtige Rheinländer, Jahrgang 1960, seit 1996 im Unternehmen, „extra Felgen für den Winter besitze, kann ich bei meinem Vergölst-Reifenfachhandel auf das ‚Umstecken‘ warten und dann zur Arbeit weiterfahren.“

Warum ist gerade die „O bis O“-Faustregel so sinnvoll?

Klaus Engelhart: Im Oktober wird es kälter, je nach Wohnort drohen schon die ersten Bodenfröste, Laub liegt auf den Straßen, nasskalter Asphalt und niedrige Temperaturen lassen Sommerreifen nach und nach „einfrieren“ – ihre Flexibilität sinkt mit den Temperaturen. Das beginnt teilweise schon unter sieben Grad Celsius. Daher ist die Faustregel „Von O bis O“, also von Oktober bis Ostern, ein guter Tipp.

Worauf ist bei der Umrüstung zu achten?

Klaus Engelhart: Wenn neue Winterreifen nötig sind, sollte man sich beim Kauf an den Testergebnissen der Verbraucherorganisationen, Automobilclubs und der Fachpresse orientieren. Auch der Fachhandel und die Mitarbeiter in Autohäusern können gut beraten. Wenn Reifen aus der letzten Saison montiert werden, sollte man die Profiltiefe prüfen – unter vier Millimeter Restprofil reicht bei winterlichen Straßen nicht.

Und wenn man selbst montiert?

Klaus Engelhart: Dann sollten die Reifen mit dem tiefsten Profil auf die nicht angetriebene Achse. Wer zum Wintersport nach Österreich will, muss ohnehin mindestens vier Millimeter Restprofil auf den Winterreifen haben – unter dieser Grenze gelten sie bei unseren Nachbarn als Sommerreifen, die auf winterlichen Straßen nichts verloren haben. Wird man so bereift kontrolliert, drohen Bußgelder.

Was machen die meisten bei der Umrüstung noch immer falsch?

Klaus Engelhart: Zu viel Sparsamkeit ist sicher ein Thema: Unter vier Millimeter Restprofil verlieren Winterreifen nach und nach die Möglichkeit, sich richtig mit winterlichen Fahrbahnoberflächen zu verzahnen, auch die Bremswege auf nasser Straße verlängern sich deutlich. Daher sollte man solche Reifen gegen neue Winterreifen tauschen. Wer seine Winterreifen gleichmäßig abrollen möchte, kann von Jahr zu Jahr achsweise tauschen.

Ist bei den Kontrollsystemen für den Reifendruck was zu beachten?

Klaus Engelhart: Direkt messende Systeme müssen kalibriert werden. Das überlässt man am besten den Fachleuten im Reifenhandel oder in den Werkstätten.

Würden Sie eigentlich eher zu Saison- oder zu Ganzjahresreifen raten? Was ist der Unterschied?

Klaus Engelhart: Das hängt davon ab, wo man wohnt und wie man den Wagen nutzt. Fahre ich meist in der Stadt und habe eine geringe Kilometerleistung in gemäßigten Wintern, können Ganzjahresreifen eine Alternative sein – ich denke da beispielsweise an Autofahrer in der Kölner Bucht oder in den Stadtstaaten Norddeutschlands. Wer wirklich mobil sein will oder muss, kommt allerdings an der saisonalen Bereifung nicht vorbei. Ganzjahresreifen sind eben immer ein Kompromiss, die wirklichen Winter- und Sommerspezialisten können in ihren Einsatzfeldern einfach mehr. Hier sollte man gut überlegen und Sicherheit zur obersten Priorität machen. Sparen am falschen Ende ist kein guter Ratschlag!

In der kommenden Wintersaison gibt es einige gesetzliche Neuregelungen, die Reifen betreffen. Welche sind das?

Klaus Engelhart: Ab 1. Januar nächsten Jahres dürfen nur noch Winterreifen mit dem so genannten „Alpinsymbol“ hergestellt werden. Das gilt auch für Ganzjahresreifen. Autofahrer haben dann noch bis Ende September 2024 Zeit, alte Winter- oder Ganzjahresreifen, die nur das M+S-Kennzeichen für Matsch und Schnee haben, gegen richtige Winterspezialisten zu tauschen.

Schon seit Juni 2017 gilt zudem für Fahrer ein erhöhtes Bußgeld von 60, für Fahrzeughalter sogar von 75 Euro. Für was?

Klaus Engelhart: Wer ein Fahrzeug mit nicht der Witterung angepasster Bereifung fährt, muss mit 60 Euro Bußgeld rechnen – der Fahrzeughalter, der einen Fahrer mit der nicht angepassten Bereifung losfahren lässt, sogar mit 75 Euro rechnen.

Sind Sie selbst reifenbedingt schon mal in eine kritische Situation geraten?

Klaus Engelhart: In den letzten Jahren nicht mehr – allerdings erinnere ich mich mit Schrecken an meine Studienzeit, in der ich Reifen auch bis zur 1,6 Millimetergrenze heruntergefahren habe. Seitdem kenne ich die Gefahren des Aquaplanings genau – und habe großen Respekt vor starkem Regen und Spurrillen sowie Pfützen entwickelt. Ich kann nur raten, bei Winterreifen die Vier-Millimeter- und bei Sommerreifen die Drei-Millimeter-Grenze einzuhalten!

Was ist bei der Lagerung zu beachten, wenn dann um Ostern herum wieder von Winter auf Sommer umgerüstet wird?

Klaus Engelhart: Reifen sollten bei niedrigen Temperaturen ohne direkte Sonneneinstrahlung staubfrei und trocken gelagert werden. Reifen ohne Felge sollten aufrecht gestellt und alle sechs Wochen etwas gedreht werden. Reifen mit Felgen kann man stapeln oder aufhängen. Damit man die Reifen wieder richtig montiert, sollte man die Radposition vermerken – das hilft auch beim achsweisen Tausch.

KoCom/Foto: Continental

18. Oktober 2017

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